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Quantenphysik und Neurowissenschaften – Angriffe auf die Pastoralpsychologie?

Tagungsbericht zur 36. Jahrestagung der DGfP (2008)
30.04. bis 03.05.2008 in Hofgeismar

(mit Fotos am Ende der Seite)

Zusammenfassung

„Überfälle auf die Wirklichkeit“ hieß die 36. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Pastoralpsychologie (DGfP), die vom 30.04. bis 03.05.2008 in Hofgeismar stattfand. Ziel der Tagung war, eine Diskussion darüber anzuregen, wie radikal neue Entwicklungen in den Naturwissenschaften das pastoralpsychologische Wirklichkeitsverständnis in Frage stellen. Die einzelnen Elemente der Tagung und die Hauptvorträge werden im vorliegenden Bericht kurz vorgestellt.

Abstract

"Assaults on reality" was the catchy title of the 36th annual conference of the German Association for Pastoral Psychology (DGfP) which took place from 30 April to 3 May 2008 in Hofgeismar, Hassia. It outlined how radically traditional notions of reality in pastoral psychology have been challenged by new developments in the natural sciences. This article sums up the keynote lectures and various other elements of the conference.

Pastoralpsychologie – Quantenphysik – Neurobiologie

Überfälle auf die Wirklichkeit von naturwissenschaftlicher Seite waren zur DGfP-Jahrestagung in Hofgeismar angekündigt, und mehrere Überfälle haben in unterschiedlichem Gewand und mit verschiedener Bewaffnung stattgefunden, einige davon offensichtlich, andere dagegen eher aus dem Hinterhalt: so konnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einen quantenphysikalischen, einen neurobiologischen, einen pastoralpsychologischen, einen videographischen sowie einen experimentellen Überfall in mehreren Elementen erleben. Sie werden in diesem Tagungsbericht konturiert. Ideengeber für die Überfälle war die Vorbereitungsgruppe: Ulrike Elsdörfer, Mechthild Hagen, Sabine Heider, Christian Kohn, Helmut Kreller und Christoph Schneider-Harpprecht. Die in Warnwesten gekleidete und mit Wasserpistolen bewaffnete Tagungsleitung hat die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in gehörige Aufruhr gebracht, mit dem Ziel, diese mit aktuellen naturwissenschaftlichen und wahrnehmungspsychologischen Erkenntnissen zu einer echten Infragestellung ihrer überkommenen Antworten auf Paul Watzlawicks „Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“ anzuregen.

1 Quantenphysikalischer Überfall

Gert-Ludwig Ingold, Professor für Quantenphysik in Augsburg , begleitete das Auditorium auf eine begeisternde „Expedition ins Reich der Quanten“. Die Quantenphysik sucht frei nach Goethe danach, „was die Atome im Innersten zusammenhält“ und bewegt sich in Grenzbereichen, in denen die Systeme der klassischen Physik zur Beschreibung von Alltagserfahrung nicht mehr funktionieren. Ihre Grundlegung geht auf das beginnende 20. Jahrhundert zurück, entscheidend waren die Forschungen von Louis de Broglie zu der Frage, ob die Verbreitung von Licht physikalisch eher als Teilchen, also mit den Eigenschaften Geschwindigkeit und Energie, oder als eine Welle mit deren dynamischen Eigenschaften von Wellenlänge und Frequenz beschrieben werden kann. Davon ausgehend entsteht die theoretische Annahme von irrationalen, also nicht vorhersagbaren Quantenzuständen, denen eine Komplementarität von Teilchen- und Welleneigenschaften zueigen ist. Sie begegnet beispielsweise in der Erforschung und Beschreibung subatomarer Strukturen, aber auch auf der Suche nach der physikalischen Geschichte des Universums; hier ermöglicht sie die mathematisch-physikalische Beschreibung der Parameter bis zu einem Zeitpunkt von ca. 300000 Jahre nach dem Urknall – der heute als „kosmische „Hintergrundstrahlung“ zu beobachten ist. Mehrere spielerische Experimente unter Beteiligung des Auditoriums trugen dazu bei, dass die drei Physikstunden bei Ingold verständlich und nachvollziehbar wurden. Der Physiker stellte sich während der gesamten Tagung gerne den entstandenen Fragen und Anfragen und versäumte es nicht, eigene Position bei Glaubens- und Wissens-Fragen zu beziehen.
 Immer wieder im Verlauf seines Vortrags öffnete Ingold ein „Notizbuch“, in dem er wesentliche Prinzipien der Quantenphysik zusammenstellte. In experimenteller Überprüfung von Quantenprinzipien ist das Messergebnis für den Einzelfall nicht vorhersagbar, sondern lediglich wahrscheinlich – undenkbar für die Regeln der klassischen Physik, die besagen, dass ein Experiment unter beschriebenen Bedingungen exakt wiederholbar sein muss. Eine zentrale Neuerung der Quantenphysik ist die neue Positionierung des naturwissenschaftlichen Beobachters. War seine Rolle in der klassischen Physik nahezu objektiv zu verstehen, beeinflusst unter Quantenprinzipien die Beobachtung selbst den beobachteten Zustand.
 Die Quantenphysik entwickelt für die Grenzbereiche der physikalischen Forschung Theorien, die nicht durch experimentelle Beobachtung verifiziert werden können. In den Augen des Physikers Ingold selbst ist erstaunlich, dass die mathematisch-physikalische Beschreibung der Wirklichkeit sogar in diesen Grenzbereichen möglich ist und funktioniert, auch wenn sie „nur“ Theorien bleiben. Physik muss im quantenphysikalischen Extrembereich Bedingungen der Geisteswissenschaften anerkennen.

2 Neurobiologischer Überfall

Dr. Uwe Markstahler (Freiburg)  übernahm den neurobiologischen Überfall auf die Pastoralpsychologie und machte sich gemeinsam mit dem Auditorium auf eine „Reise ins Neuronenfeuer“, dem Ort, an dem die Welt entsteht.
 Am Beispiel des Lernens veranschaulichte Markstahler die dynamische Plastizität des neuronalen Netzwerks. Lernen bedeutet, dass Reize aus der Umwelt die Ausbildung neuer neuronaler Strukturen anregen. Grundbedingung ist die Aufmerksamkeit im Sinne einer positiven oder negativen Emotionalität. Binnen weniger Minuten können sich neue synaptische Verbindungen zwischen den Neuronen aufbauen, intensivieren und verändern. Ein menschliches Gehirn besteht aus ungefähr 100 Milliarden Neuronen in einem Netzwerk aus  über 100 Billionen synaptischen Verbindungen, die in einem ‚hierarchischen Verrechnungsablauf’ geschaltet sind. Eingehende Reize werden grob vorsortiert und dann allmählich durch die verschiedenen Hirnbereiche ‚hindurchgereicht’ – so entstehen Assoziationen und Verknüpfungen mit bereits Bekanntem. Das Hirn braucht Reize, um das neuronale System zu strukturieren. Um diesen Vorgang genauer zu beschreiben, unternahm Markstahler einen Einstieg in die Wahrnehmungspsychologie. Eine Reihe optischer Täuschungen ermöglichten, das eigene Gehirn bei der Arbeit zu „beobachten“. Als Wahrnehmungsapparat ist das Gehirn vor allem ein Musterdetektor, das nach den Gesetzen der Prägnanz, der Nähe, der Ähnlichkeit, der Kontinuität und der Geschlossenheit arbeitet. Die Wahrnehmungspsychologie hat eine hohe Affinität zu erkenntnistheoretischen Fragestellungen der Philosophie, die größe Herausforderung stellt dabei die naturwissenschaftliche Infragestellung von Wirklichkeit dar. Aus neurobiologischer Sicht entsteht Wirklichkeit in einer Konstruktion des Wahrnehmungssystems, ist dabei immer relational zum Empfänger, und kann nur in einem äußeren Reiz bestehen. Markstahler wies auf das Problem hin, dass psychologische Begrifflichkeiten und neurowissenschaftliche Begrifflichkeiten (noch) nicht wirklich untereinander kompatibel sind. Die Psychologie gerade in ihrer therapeutischen Ausprägung steht vor der Herausforderung, die neuen Begrifflichkeiten und Erkenntnisse über die Hirnforschung mit ihren Erkenntnissen zu vernetzen. Die Pastoralpsychologie muss sich als theologische Wissenschaft damit auseinandersetzen, dass nach den neurobiologischen Erkenntnissen alle Wirklichkeit subjektive Konstruktion ist.

3 Videographischer Überfall

Die Tagungsleitung lud nach dem ersten Hauptvortrag dazu ein, gemeinsam den amerikanischen Dokumentarfilm „What the bleep do we (k)now?“ zu sehen, der laut der Organisatoren mehrere entscheidende Hinweise für die Konzeption der „Überfälle auf die Wirklichkeit“ geliefert hatte. Der aufwändig gestaltete Film konnte die inhaltliche Qualität der Vorträge nicht einholen, lieferte aber manch gute Illustration zum besseren Verständnis der von pastoralpsychologischem Alltag weit entfernten neurobiologischen und quantenphysikalischen Theorien und Zusammenhänge. Zu diesem Zweck möchte ich den Film gerne empfehlen, doch gilt es, lohnende Passagen sorgsam auszuwählen und die weltanschauliche und wissenschaftliche Provenienz des Filmes kritisch zu hinterfragen.


4 Experimenteller Überfall

Ein ungewöhnliches Setting: zwei Wissenschaftler vom Berliner „Institut für Kognitionsforschung“ beteiligten die Teilnehmerinnen und Teilnehmern während der gesamten Tagung an einer Reihe von wahrnehmungspsychologischen Experimenten. Die Probandinnen und Probanden reagierten auf unterschiedliche Weise, viele ließen sich gerne, doch auch mit steigender Verunsicherung auf die Versuchsreihe ein.  Erst am dritten Tag lüftete die Tagungsleitung den Schleier: Die Experimente stellten im Rahmen der Tagung den Versuch dar, die Konstruktion von Wirklichkeit aktiv erlebbar zu machen. Zu diesem Zweck führte das real nicht existierende Institut fingierte Wahrnehmungsexperimente nach einem von den Story-Dealern Berlin  entwickelten Konzept durch. Der experimentelle Überfall hatte zum Ziel, dass sich jeder und jede persönlich und ohne orientierende Hilfestellungen der eigenen und vielfach wenig unreflektierten Antwort auf die Frage „Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“ stellen musste.

5 Pastoralpsychologischer Überfall in der Notaufnahme

Die in den naturwissenschaftlichen und experimentellen Überfällen angerissenen Fragen galt es, für die Pastoralpsychologie in Theorie und Praxis zu erörtern, erste Konturen des Gesprächs zwischen aktuellen naturwissenschaftlichen Positionen und der Pastoralpsychologie zu entwickeln und mögliche Ausblicke zu wagen. Wolfgang Drechsel, Professor für Praktische Theologie in Heidelberg, war von der Tagungsleitung zum diensthabenden Arzt in die Notaufnahme bestellt worden, um entstandene Wunden zu versorgen, erste Symptome zu diagnostizieren und mögliche Therapien in Aussicht zu stellen. 
 Statt auf die Inhalte der beiden naturwissenschaftlichen Hauptvorträge einzugehen, entschied Drechsel, „das ganz andere des anderen“ zu betrachten. Die Notaufnahme bei Drechsel behandelte damit nicht die durch die Überfälle der Tagung selbst aufgerissenen Wunden, sondern bemühte sich grundlegend, andere Erkrankungen zu heilen. Für manche Teilnehmer wurde die pastoralpsychologische Notaufnahme dadurch selbst zu einem unerwarteten Überfall.
 In hoher Eloquenz formulierte Drechsel theologische Anmerkungen zu den Neurowissenschaften, denen er zwar außerordentlich wichtige Erkenntnisse über das zentrale Organ des Menschen in experimenteller Exaktheit zuerkannte, sie aber weit entfernt von einer Gesamtdeutung des Menschen im Sinne einer expliziten Normativität ansiedelte. Drechsel erörterte die beiden grundsätzlich unterschiedlichen Zugänge zur Welt bzw. zum menschlichen Leben: Der Weg des Logos, der sich an Distanz zur Welt orientiert, und der Weg des Mythos, dessen Lichtmarke am Horizont die Identifikation mit der Welt ist. Naturwissenschaftliche Welterkenntnis und religiöse Erzählungen gehören grundlegend unterschiedlichen Zugängen an, so Drechsel. Er warnte die Pastoralpsychologie vor der Gefahr der Theologievergessenheit, die mit der empirischen Wende der praktischen Theologie in allen ihren Bereichen Einzug erhielt.

6 Waffenkammer? Oder doch eher: Abrüstung!

Bereits in der „Expertenbefragung“ auf einem Podium zur Halbzeit der Tagung benannte Michael Klessmann, Professor für Praktische Theologie in Bethel, dass es noch offen sei, wie relevant die gewonnenen naturwissenschaftlichen Erkenntnisse für den Alltag der Pastoralpsychologinnen und Pastoralpsychologen sind. Zu vielen entscheidenden Fragestellungen hat die Tagung ganz bewußt keine Handlungsorientierungen geliefert, denn diese wären zum jetzigen Zeitpunkt lediglich vorschnell und vorläufig ausgefallen: auf die grundlegenden Anfragen und Erschütterungen, die von den Inhalten der Tagung ausgelöst wurden, kann es noch keine Antworten geben. Ausgehend von den naturwissenschaftlichen Perspektiven lassen sich hochinteressante Ideen für die pastoralpsychologische Arbeit entwickeln, so lassen sich aus einer vertieften Auseinandersetzung mit der Figur des Beobachters in der Quantenphysik weitgehende Konsequenzen für die therapeutische Arbeit ziehen.
Allerdings wurde die Reichweite des naturwissenschaftlichen „Angriffs“ auf die Theologie und Pastoralpsychologie kaum benannt und Denkanstöße teilweise eher implizit umrissen. Wie reagiert die Psychologie als Referenzwissenschaft der Pastoralpsychologie auf die Neurobiologie, wie sieht eine Neuropsychologie aus? Welche neuen Wege eröffnen sich der Therapie und Beratung? Welche Konsequenzen haben die neurobiologischen Erkenntnisse für die theologische Anthropologie, was bedeuten sie für ein christliches Verständnis von Menschwerdung, von Jesus Christus? Kann Religion nur in der Kategorie des Mythos gefasst werden, ist der Logos heute allein der naturwissenschaftlichen Erkenntnis überlassen? Lassen sich aus den anarchischen Prinzipien der Quantenphysik Ideen für neue Modelle therapeutischer Arbeit entwickeln? Wie verändert sich das Weltbild mit den Anschauungen der Quantenphysik? Wie sieht das Wissenschaftsverständnis unter den neuen Prämissen aus? Die „Überfälle auf die Wirklichkeit“ haben einen Lernweg der Dekonstruktion angeregt, eine Fülle von Fragen gestellt sowie einen weiten Raum für Diskussionen eröffnet, die, so bleibt zu hoffen, bei anderer Gelegenheit vertieft werden können.

Wiss. Ass. Viera Pirker, Philosophisch-Theologische Hochschule Sankt Georgen, Offenbacher Landstraße 224, 60599 Frankfurt am Main

Impressionen von der Jahrestagung 2008