Deutsche Gesellschaft für Pastoralpsychologie e.V.

Fachverband für Seelsorge, Beratung und Supervision

mit den Sektionen

Deutsch Gesellschaft für Pastoralpsychologie e.V. - Fachverband für Seelsorge, Beratung und Supervision
StartseiteGesellschaftRück-BlickeJahrestagung 2007

„Wirklichkeit träumen“

35. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Pastoralpsychologie

2. – 5. Mai 2007 in Gelnhausen

(mit Fotos am Ende der Seite)

„Träumen Sie die Wirklichkeit, und geben Sie sich dem Traum der Wirklichkeit dieses Mal besonders aufmerksam hin!“ So leitete die Vorsitzende der DGfP Prof. Dr. Gudrun Janowski die 35. Jahrestagung ein, die vom 2. – 5. Mai 2007 im Burckhardthaus in Gelnhausen stattfand. Die Vorbereitungsgruppe Wolfgang Böhmer, Ulrike Dedekind, Elisabeth Hölscher, Gert Krohn und Christoph Wenzel eröffnete den Teilnehmerinnen und Teilnehmern unter dem Titel „Wirklichkeit träumen“ kreative Räume für eine Entdeckungsreise in Landschaften des Traums und der Wirklichkeit. Inhaltliche Vorträge bahnten die Hauptwege der Expedition, die im Folgenden nachgezeichnet werden. Mehrere Arbeitsgruppen spürten den Hauptwegen auf kleineren Pfaden nach. Sie fanden vier Mal während der Tagung zusammen, um die Vorträge und Lesung zu reflektieren und in den Kontext mit eigener Traumarbeit zu setzen; ihre intersektionelle Leitung ließ die Vielfalt der psychologischen Ansätze zur Traumarbeit besonders deutlich werden. Musikalische und literarische Abzweigungen von den Hauptwegen machten die Erkundung der Wirklichkeit in der Traumlandschaft zu einem vielfältigen Erlebnis.

Wirklichkeit träumen

Die Berliner Soziologin und Religionswissenschaftlerin Prof. Dr. Sigrun Anselm nimmt den Kongress im ersten Hauptvortrag mit zu einer Reise in literarische Traumwelten von eigener Wirklichkeit und Wirkmächtigkeit.

Fiktion und Wirklichkeit

In der Wirklichkeit der Werbewelt eröffnet der Traum Wünsche: weiße Strände, ewiger Frühling, laue sternenumglänzte Nächte. Der Traum ist eine Illusion, er öffnet den Eingang in eine Wunschwelt. Die Surrealisten öffnen die Schatzkammer dieser erträumten Wirklichkeit mit sprachlichen und visuellen Schlüsseln und lassen andere Menschen in ihre Illusionen eintreten. Sie entwickeln alternative Konzepte der Wirklichkeit und strukturieren diese radikal nach subjektiven Prämissen. Träume sind Kryptogramme der Wirklichkeit, sagt der Surrealist André Breton. Der Traum unterbricht die Rationalität und eröffnet ein ‚Hintergrundwissen der Wirklichkeit’, das sowohl individuell als auch kollektiv gelesen werden kann.
Mit der Erzählung Eleonora von Edgar Allan Poe illustriert Anselm die Grenze von Fiktion und Wirklichkeit, die im Traum ständig überschritten wird. Die Erzählung schreitet auf einer unscharfen Trennlinie von Phantasie und Wirklichkeit, Traum und Wahn voran und lässt beide Welten ständig ineinander fließen. Der Traum des Ich-Erzählers ist der Ort der eigentlichen Wirklichkeit, und seine Realität konturiert sich gleichermaßen wie ein wirrer Traum. Wo liegt Wahrheit? Die fehlende Abgrenzung verursacht eine Beklemmung und hinterlässt die Leser letztlich ratlos.

Traumdeutung im Wandel der Zeit

Solange die Träume von Göttern und Geistern geschickt sind, sind sie ‚unproblematisch’. Sie sind Teil der Wirklichkeit und bilden Überirdisches ab, bedürfen aber gleichzeitig der inspirierten Deutung. Dies beschreibt Anselm mit Hilfe der Deutung eines Traums von Nebukadnezar durch den Propheten Daniel. Der Träumer dieser biblischen Erzählung misstraut dem eigenen Traum und weigert sich, ihn dem Traumdeuter zu erzählen. Dieser weiß um seine göttliche Inspiration und deutet den Traum, ohne ihn zu kennen.
Alttestamentliche Träume haben eine objektive Gültigkeit, sie sind Eingebungen von Gott und bedürfen der weisen und inspirierten Deutung, dies wird bei Nebukadnezars Traum formal-stilistisch und in der Dramaturgie der Erzählung überdeutlich.
Traumerkenntnis kann körperliche Heilung hervorrufen, so in der griechisch-hellenistischen Tradition, die Anselm in der Erzählung des Pausanias über das epidaurische Trophonius-Orakel beschreibt. Die rituell und kultisch begleitete Traumsicht ermöglicht die Beseitigung von Missstimmung zwischen Soma und Psyche, Leib und Seele.
Erst seit Träume kulturanthropologisch von psychologischen Inhalten berichten, sind sie ohne Ort – utopisch – im Gefüge der Wirklichkeit und stellen gleichsam Wegmarken einer inneren, subjektiven Wirklichkeit dar. Das Unterbewusste findet im Traum Ausdruck für die ablaufenden mentalen Prozesse. In den Vordergrund der Traumdeutung tritt nunmehr die Symbolisierung als entscheidender Umgang mit diesem Traum-Denken.
Träume aus der Literatur liefern Anselm Beispiele für die scheiternde Symbolisierung eines Traums (so der Fiebertraum des Ivan in Dostojewskijs ‚Die Brüder Karamasow’) sowie für einen gelingenden, d.h. etwas bearbeitenden Traum, so Albertines Traum in Arthur Schnitzlers ‚Traumnovelle’.

Der religiöse Traum

Watzlawicks Frage: ‚Wie wirklich ist Wirklichkeit?’ stellt alles Nachdenken über Traum und Wirklichkeit in Frage. Christoph Morgenthaler, Professor für Praktische Theologie in Bern, formuliert zwei Äquivalente: ‚Wie wirklich ist ein Traum?’ Und: ‚Wie wirklich ist ein Gleichnis?’ Aus diesen Grundfragen entwickelt er ein Dreieck mit den Seiten Traum – Wirklichkeit – Religion: welche Seite steht im Vordergrund? Zu welcher Seite fühlt sich die Theologin, der Psychologe am stärksten hingezogen? Und zur Steigerung der Komplexität geht Morgenthaler noch weiter: Was ist eigentlich ein religiöser Traum? Ist das einer mit religiöser Symbolik, der dann doch eher im Gegensinn zu deuten wäre, oder ein Traum, dessen verdeckte Symbolik mit Macht auf Unbedingtes hindeutet? Mit diesen Fragen ist das Feld für zwei Vorträge aus der pastoralpsychologischen Traumwerkstatt umrissen.

Träume in der pastoralpsychologischen Werkstatt

Morgenthaler schärft die pastoralpsychologischen Werkzeuge und legt sie an einen Traumerzählung mit religiösem Inhalt an, die von Helmut Hark berichtet wird [Der Traum als Gottes vergessene Sprache. Symbolpsychologische Deutung biblischer und heutiger Träume, Olten/Freiburg i.Br. 1982]. Sichtbar wird, dass die religiöse Bedeutung eines Traumes oszilliert und kaum im Inhalt zu verankern ist. Eine erste Arbeitshypothese: ein religiöser Traum ist einer, der religiös gedeutet wird. Doch Morgenthaler deutet den Traum mehrfach und kommt mit dem Handwerkszeug verschiedener psychologischer Schulen zu teilweise vollkommen konträr en Ergebnissen. Damit schlägt er Schneisen in den Dschungel der Deutekulturen – die er gleichzeitig in ihrer Relativität vorführt. „Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, aber es ist noch lange nicht beliebig“, schränkt Morgenthaler die offen liegende Polyvalenz wieder ein und entwickelt eine zweite Arbeitshypothese: Es existieren verschiedene Deutekulturen. Eine Hermeneutik des religiösen Traums kann nur in überschneidenden Modellen entstehen.

Kein Quodlibet: Modelle der Traumdeutung

Die Deutung eines Traums in verschiedenen Deutekulturen ist indes nicht beliebig. Morgenthaler stellt Hermeneutische Prinzipien zur Traumarbeit nach Kelly Bulkeley [The Wilderness of Dreams, New York 1994] vor. Dieser versteht einen Traum als Text, der einer Interpretation bedarf. Die interpretierende Person muss ihrer Vorverständnisse bewusst sein, welche die Deutung beeinflussen werden. Sie versteht den Prozess der Interpretation als offenen Weg, dessen Ziel im Verborgenen liegt. Damit bleibt die Interpretation offen für radikal neue Bedeutungen. Traumarbeit gleicht einem dialogischen Spiel aus Fragen und Antworten, vorwärts und rückwärts, Unterscheidung und Kombination.
Eine gültige Interpretation hält mehreren Kriterien stand. Zunächst ein internes Kriterium: ist der Traum in seinen einzelnen Teilen übereinstimmend gedeutet und passt er ggf. in eine Reihe von Träumen? Dann ein externes Kriterium: Wie weit stimmt die Interpretation mit dem ‚Rest des Wissens’ überein?, sowie ein praktisches Kriterium, das nach dem Nutzen der Interpretation zur Umsetzung praktischer Bedürfnisse fragt. Das Ziel der Traumarbeit nach Bulkeley ist erreicht, wenn neue Bereiche des Verstehens geöffnet und Horizonte erweitert werden, wenn sich neue Fragen stellen und das Bewusstsein insgesamt geweitet wird.
Ein zweites Modell zur integrierenden Traumdeutung nach Rudolf Seitz [Der Traum als Zeichen. Entwicklung und Anwendung eines semiotischen Modells zur Explikation von Traumbedeutung, Bern 1988] eröffnet einen Hexalog von Traum, Bezugsgegenstand, Anwendungssituation, Träumer(in), Deuter(in) und Zeichensystem, in dessen Schnittpunkt die Bedeutungsbildung des Traumes entsteht.

Der religiöse Traum und seine Deutung

Die Deutung eines Traums als religiöser Traum ist zunächst und vor allem eine hermeneutische Frage. Mit Hilfe der Deutemodelle kann ein Traum als religiös interpretiert werden, wenn dieser Bedeutungszusammenhang am besten den entwickelten Kriterien entspricht. Das Religiöse in einem Traum muss sorgfältig wahrgenommen und kritisch hinterfragt werden; hilfreich ist dabei die Unterscheidung von Bedingtem und Unbedingten.
Die biblischen Traumerzählungen legen kein eigenständiges Regelmodell zur Traumdeutung nahe. Der Traum des Pharao in der Josefserzählung ist beispielsweise kein religiöser Traum, sondern ein theologisch bedeutsamer Traum, zu dessen Interpretation sich der Deuter Josef im Kontext der ägyptischen Traummantik bewegt. Dem entspricht, dass die Interpretation heutiger Träume auf zeitgenössische Codizes der Traumdeutung zurückgreift.

Trauminterpretation als Modell praktisch-theologischer Hermeneutik

Eine Theologie, die eine praktische sein möchte, darf sich nicht in der Interpretation klassischer Dokumente der Tradition erschöpfen. Ihre Aufgabe ist, die Gegenwart ‚auszulegen’. Morgenthaler formuliert eine hermeneutische Wurzelmetapher der Seelsorgetheorie, die den Menschen als ‚living human document’ versteht. Der Mensch als Text bedarf genauer Lektüre, mit Hilfe einer angemessenen Hermeneutik und ohne theologische Vorvereinnahmung.

via regia zur Praktischen Theologie

Ein Königsweg praktisch-theologischer Arbeit ist die Trauminterpretation. Denn Traumauslegung ist Lebensauslegung, Traumhermeneutik ist Lebenshermeneutik und damit nah an pastoralpsychologischer Arbeit. Diese bietet einen Weg der Interpretation. Ein Seelsorger, eine Seelsorgerin handelt gleichsam als Interpretator des Lebens. Beide müssen ihre Arbeit an der Frage messen, wie ernst sie die Zeichen und Aussagen, die ein Mensch – das ‚living human document’ – sendet, tatsächlich nehmen. Wie sehr geht ein Begleiter, eine Begleiterin auf den Text des Menschen ein, statt sich in seine eigenen Textdokumente der biblischen und christlichen Tradition, des gelernten theologischen Regelsets zu flüchten? Morgenthaler veranschaulicht ein solches Dilemma durch die Lektüre eines Seelsorgeprotokolls. Gesprächspartner stricken ihren eigenen Sinn im Gespräch, Texte verstummen und kommen wieder zur Sprache. Theologinnen und Theologen verfügen gleichzeitig über eine ohnmächtige und mächtige Deutekompetenz für ‚living human documents’, und es gilt, mit dieser äußerst sorgsam und sparsam umzugehen.

Müssen Träume gedeutet werden?

Sind Träume nicht Kreaturen ganz eigener und schöner Art, die einfach da sein dürfen, ohne einer Zweckrationalität des Deutens unterworfen zu werden? Ist dies die einzige mögliche Reaktion auf die Krise des Verstehens? Müssen Träume ins Reich der Kommunizierbarkeit geholt werden? Sie sind Paradebeispiele einer Interaktion mit dem eigenen, inneren Fremden. Was geht ihrem Schatz als ‚fremde Wirklichkeit’ in der eigenen Seele durch die Deutung verloren? Diese und andere Anfragen formuliert Morgenthaler (nicht nur) an die pastoralpsychologische Traumwerkstatt, und legt ihr nahe, einen Grundsatz der interkulturellen Beratung auch für die Traumarbeit zu bedenken: Der Regelfall des Verstehens ist das Nicht-Verstehen. Der Traum ist zweifellos ein Ort besonderer Entdeckungen und Möglichkeiten für die Selbstdeutung, für das Kennen lernen des eigenen Fremden. Traumdeutung ist für die pastoralpsychologische Arbeit somit von hoher Bedeutung, doch welcher Art der Traumtext ist, muss letzten Endes offen bleiben: ist er wirklich oder Gleichnis? Oder ist er ein wirkliches Gleichnis?

Ein Mensch, ein Ding, ein Traum.

(Hugo von Hofmannsthal)

Zwei Blöcke der Tagung waren musischen und literarischen Annäherungen an das Thema „Wirklichkeit Träumen“ gewidmet. Der Konzertpianist Florian Hölscher spielte am Flügel träumerische Motive verschiedener Komponisten und deutete die Musik aus. Dabei schenkte er dem Publikum eine regelrechte Hörschule für die einzelnen Werke, wies auf Besonderheiten in der Melodieführung hin und machte auf die innere Struktur der Kompositionen aufmerksam. Durch diese angeleitete Transparenz der Stücke stellte der Klavierabend eine eigene musikalische Wirklichkeit her.
Die Schauspielerin Jutta Lampe geleitete das Auditorium in einem Block durch eine wahre Fülle literarischer Träume. Lyrik und Prosa verzauberten, bewegten, erheiterten, stimmten nachdenklich. Jutta Lampe las Texte von Alexander Puschkin (Traum der Tatjana aus Eugen Onegin), Eduard Mörike (Nächtliche Fahrt), Walter Benjamin (Einbahnstraße: Frühstücksstube), Josef Freiherr von Eichendorff (Schöne Fremde), Ludwig Uhland (Täuschung), Novalis (Heinrich von Ofterdingen), Thomas Mann (Joseph und seine Brüder: Joseph der Ernährer), Hugo von Hofmannsthal (Terzinen über die Vergänglichkeit III und IV), Franz Führmann (Unter den Papayas: Der Traum von Sigmund Freud), Paul Celan (Die Krüge), Ernst Meister (Lajaune versteht einen Traum nicht; Im Traume übersprang ich meinen Tod) und Jorge Louis Borges (Geschichte von den Zweien, die träumten). Die Liste hat Katharina Henke unmittelbar nach der Lesung zusammengestellt.

Abschied vom Traum-Ort

„Wirklichkeit träumen“ war das Thema der DGfP-Tagung in Gelnhausen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer blicken zurück auf wirkliche und traumgleiche Erlebnisse. Tage der Kreativität, Tage des Gesprächs und der Auseinandersetzung wurden mit einem rauschenden Fest beschlossen. Gelnhausen wird Nicht-Ort, U-Topos, denn die 35. Jahrestagung ist gleichzeitig die letzte an diesem über viele Jahre beliebten Tagungsort der DGfP. Ob das Burckhardthaus auch ein Traum-Ort, ein Ort von eigener Wirklichkeit gewesen ist, wird erst im Rückblick zu deuten sein.
Viera Pirker, Phil.-Theol. Hochschule Sankt Georgen

Impressionen von der Jahrestagung 2007