Deutsche Gesellschaft für Pastoralpsychologie e.V.

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Deutsch Gesellschaft für Pastoralpsychologie e.V. - Fachverband für Seelsorge, Beratung und Supervision
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 „Wie …? Seele …? Hamwa lange nich jehabt!“

Prozessbeobachtungen

zum 41. Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Pastoralpsychologie 2013

Klaus Kießling


 „Anschaulich beschreibt Herr K., dass es verschiedenen Teilen seines Körpers und verschie- denen inneren Organen zunehmend und fortschreitend immer schlechter geht. Als der Seel- sorger ihn dann auch nach dem Ergehen seiner Seele fragt, sagt Herr K.: ‚Wie …? Seele …? Hamwa lange nich jehabt.‘ Er erzählt, Seele wäre das letzte Mal bei seiner Konfirmation, das war 1955, vorgekommen …“

 Seelsorge und Seel-Sorge-Bilder

 Mit diesem Auszug aus einer Fallschilderung lud die Deutsche Gesellschaft für Pastoralpsy- chologie  (DGfP)  zu  ihrem  Kongress  ein,  der  in der Zeit  von  28.  April  – 1.  Mai  2013  an  der Evangelischen  Akademie  Hofgeismar  stattfand.  Die  DGfP  versteht  sich  als  Fachverband  für Seelsorge, Beratung und Supervision. Pastoralpsychologie richtet sich also auf professionell qualifizierte Seelsorge – nicht exklusiv, denn auch Beratung und Supervision sind genannt, aber  offenbar  doch  in  erster  Linie,  denn  Seelsorge  ist  das  erste  Stichwort  –  und  steht  zu- gleich im Zentrum kirchlichen Handelns, wie es im Flyer heißt.



Ist Seelsorge ganz selbstverständlich – und droht gerade darum in Vergessenheit zu geraten? Oder kommt Seele wieder? Wer sorgt für sie? Und was geschieht in der Seelsorge? Klassi- sche Räume verändern sich, neue kommen hinzu, ein ‚Markt‘ entsteht. Aktuelle Entwicklun- gen und Fragen zur Seelsorge greift der Kongress aus verschiedenen Perspektiven auf.

Jene Fallschilderung inspiriert den Tagungstitel. „Hamwa lange nich jehabt“ stimmt auch für die  treuen  Kongressteilnehmerinnen  und -teilnehmer,  denn  explizit  war  das  Thema  „Seel- sorge“ zuletzt in den Jahren 1991 und 1992 im Kongresstitel präsent, nicht aber in den 20 Folgejahren.  Während  der  Anreise  freue  ich  mich  auf  die  Auseinandersetzung  mit  einem Herzstück der Pastoralpsychologie.

Die Vorbereitungsgruppe, namentlich Dr. Thomas Beelitz, Dr. Ulrike Elsdörfer, Dr. Eckart Na- se,  Gaby  Nelius  und  Claudia  Panhorst-Abesser,  lädt  am  Sonntagnachmittag  dazu  ein,  zu- nächst allein, dann paarweise, schließlich in größer werdenden Gruppen zu viert und zu acht Seel-Sorge-Bilder zu entwickeln und zu präsentieren. Diesem vielfältigen szenischen Auftakt folgt ein erster Vortrag zu Seele, Sorge und Seelsorge.

 Seelsorger als Meister der Sinnlosigkeit

 Sowohl soziologische als auch philosophisch-anthropologische Zugänge zur Seelsorge schafft Prof. Dr. Werner Vogd, der an der Universität Witten / Herdecke wirkt. Er gibt sich ausdrück- lich als Nichtchrist zu erkennen – und zugleich als Soziologe, der mit Fragen der Seelsorge einen wertschätzenden Umgang pflegt. Auf Herrn K. Bezug nehmend, sieht er seelsorgliche Herausforderungen in Fragen, die nach Antworten verlangen, welche über Biographie- und Deutungsarbeit  hinausgehen.  Er  fragt  nach  Äquivalenten  der  Seelsorge  in  nichtchristlichen Traditionen,  bringt  Schamanen  ins  Spiel,  die  ihrerseits  mit  Leid  und  Not  konfrontiert  sind, und versteht Seelsorger als Meister der Sinnlosigkeit – und in dem Sinne als Meister, dass die Sinnlosigkeit  sie  nicht  zum  Aufgeben  treibt.  Seelsorgerinnen  und  Seelsorger  erfüllen  ihre Aufgabe, indem sie bedingungslose Akzeptanz üben, ja Liebe schenken, in der Gefangenen- seelsorge  auch  einem  Mörder,  in anderen  Kontexten  Verzweifelten,  denen  niemand  sonst Liebe schenkt.

Die  Seele  steht  dank  neurobiologischer  und  kognitionswissenschaftlicher  Einsichten,  so Werner Vogd, nicht für ein so oder so fixierbares Zentrum, sondern für ein allemal sozial und kommunikativ  eingebettetes  Selbstempfinden,  mit  anderen  Worten  für  kulturbedingte Selbstkonzepte.

„Seele hamwa jetzt“, meint der Referent zum Stand seines Vortrags, „kommen wir jetzt zur Sorge“. Diese bringt er mit Martin Heidegger in Verbindung, der in „Sein und Zeit“ Dasein als Sorge konturiert, und mit einer „Seinsvergessenheit“, die zu einer „Seinsverlassenheit“ wird, ja zu einem „Seelenverlust, weil Sein sich nicht offenbart“.

Seele, Sorge, Seelsorge: Sie gibt Raum für Wirkungen, die über das gesellschaftlich Mögliche hinausgehen. Sie führt in ein Beziehungsgeflecht, das keiner Änderung, keiner psychothera- peutischen Optimierung, keiner Technik bedarf. Vielmehr kommt, so erläutert der Referent, Gnade ins Spiel, und in der Welt der Gnade schließlich – so spinne ich seinen Gedanken wei- ter – wird das Unmögliche möglich.

Sinnlosigkeit und andere Losigkeiten

Dem Vortrag geht zunächst ein Reflecting Team nach, besetzt mit Vertreterinnen und Ver- tretern  aller  Sektionen der  DGfP,  namentlich mit  Annkathrin  Grabe-Brüseke, Erhard  Milch, Anne  Reichmann,  Kurt  Jürgen  Schmidt  und  Ulrich  Schweingel.  Wenn  Seelsorge  um  Fragen kreist, die nach Antworten verlangen, welche über Biographie- und Deutungsarbeit hinaus- gehen, wie können wir in Sinn- und Hoffnungslosigkeit jene Antwortlosigkeit ertragen, wel- che in Situationen entsteht, die gerade nach Antworten schreien?

Dem Vortrag folgt schließlich auch eine Diskussion im Plenum, insbesondere darum, wie wir in der Fremde mit dem Eigenen konfrontiert werden, wie der Referent uns an unser eigenes Selbstverständnis erinnert, etwa an die Einsicht: „Nur was du annimmst, kannst du verän- dern.“ Die suchende Haltung des Referenten im Umgang mit den ihm gestellten Fragen be- günstigt  –  jedenfalls  nach  meiner  Wahrnehmung  –  eine  geradezu  beseelte  Ruhe  und  Auf- merksamkeit  unter  den  Hörenden,  die  sich  gleichsam  fremdprophetisch  inspiriert  fühlen. Und zur politischen Tragweite von Seelsorge bleibt mir sein Satz im Ohr: „Ich muss einmal am Tag nicht Gesellschaft sein.“ So frage ich mich, ob es das war, woran Benedikt XVI. dach- te, als er von Entweltlichung sprach – und damit einen Begriff vorbrachte, zu dem ich bisher allenfalls durch das Gegenüber der Verweltlichung einen Zugang schaffen konnte. Indem ich diese Frage an Werner Vogd richte und mich zugleich als Katholik in der DGfP zu erkennen gebe, wird dem erstaunten Referenten deutlich, dass die DGfP keine Einrichtung der Evange- lischen Kirche ist!

Jazz Chanson Lyrik – und Gebet

Jazz, Chanson und Lyrik bietet die Gruppe Ufermann – unter der Leitung des Musikers, Theo- logen und Seelsorgers Erhard Ufermann, und die Gruppe macht die Ankündigung des Kon- gressflyers  wahr:  Für  die  Seele  ist  gesorgt  –  nicht  nur  an  diesem  Abend,  sondern  auch  zu Beginn des nächsten Tages.

Am Montag kommen wir in der Kapelle zum Morgengebet zusammen, und der Kanon „Du gehst mit mir, Du mein Gott“, mit dem wir in den Rhythmus der Glocken einschwingen und einstimmen, klingt den Tag über nach, und dies nicht nur in meinen Ohren, wie mir Kollegin- nen und Kollegen versichern. Für den Vormittag stehen zwei Vorträge an.

Seele als Begriff – für Leben, für den Sitz der Emotionen, für das Tor zur Wahrheit

Prof.  Dr.  Christof  Gestrich,  emeritierter  Systematischer  Theologe  an  der  Humboldt- Universität Berlin, kündigt für den Gang seines Referats fünf Schritte an, die ersten beiden in Gestalt von Fragen.
(1) Können wir auf ein begriffliches Erfassen der Seele hoffen? Und geht es dann um die Un- sterblichkeit der Seele oder um die Auferstehung des Leibes – oder um beides? Oder viel- leicht um das Ausgerichtetsein auf ein Selbst, um ein Identitätsstreben? Wofür steht die See- le als Begriff – für Leben, für den Sitz der Emotionen, für das Tor zur Wahrheit? Oder gerade dafür,  dass  die  Seele  alle  diese  Qualitäten  miteinander  zu  verknüpfen  vermag?  Ein  Begriff zielt auf das eigene Selbst des Gegenstands, den er bezeichnet, gleichsam auf dessen Seele. Begriff und Seele sind also eng miteinander verkoppelt.
(2) Seele als geistige Substanz oder als Identitätsstreben? Substanz gilt als unberührbar und unveränderbar,  substantiell  erscheint  Seele  als  Garantin  einer  Identität  im  Wandel  und durch allen Wandel hindurch. Aber beschränkt sich Seele auf das, was sub-stat, was darunter liegt, was durch sich selbst Bestand hat und beharrlich bleibt, was also nicht nur durch Ande- res besteht und darum wieder vergeht? Ist sie nicht vielmehr (auch) berührbar und verletz- lich, gerade als Identitätsstreben?
(3) Praktische Beispiele: Das philosophische Erfassen des Identitätsprozesses ist noch nicht abgeschlossen, erläutert Christof Gestrich, sondern in ein Beziehungsnetz eingespannt, darin hoffend auf Ausbildung der (eigenen) Identität. Nicht das Abladen von Bildungspaketen ist dabei angezeigt, sondern das Einweben von Bildungsprozessen in das Identitätsstreben, das die  Seele  ausmacht.  So  rücken  auch  Bildung  und  Menschwerdung,  Bild  und  Menschenbild zueinander: die Menschwerdung derer, die Bilder Gottes sind, wie mir beim Zuhören erneut aufgeht. Und wofür steht dann Gott?
(4) Seelisches Lebensverstehen in der Zwiesprache mit Gott: Gott steht nicht für das, was ich gewünscht und gebraucht hätte. Gott steht vielmehr für das, womit ich gerade nicht gerech- net  habe,  für  das  Geführtwerden  dorthin,  wohin  es  mich  womöglich  nicht  zog.  Während Christof  Gestrich  sich  so  äußert,  fallen  mir  biblische  Szenen  ein  –  und  meine  eigene  Beru- fungsgeschichte, so dass ich innerlich nicke. Geht es in der Seelsorge im Anschluss an Emma- nuel Lévinas also darum, dem Gegenüber zuzusprechen, was er oder sie von Gott her sein darf?
 

 „Lobe den Herrn, meine Kehle …“

 Der Referent verweist auf Martin Heiler in Heidelberg und auf Roderich Barth in Gießen, die wie er als evangelische Systematiker solchen Fragen nachgehen, nephesch als Ich, als Leben, als  Anrufung  Gottes,  als  Evokation  verstehen  –  in  aller  Unabgeschlossenheit menschlichen Erlebens und in aller Erlösungsbedürftigkeit der Seele. Dabei heißt nephesch nicht nur Seele, sondern auch Kehle – und Psalm 103,1 demnach: „Lobe den Herrn, meine Kehle …“

(5) Sorgen und zu Unterstreichendes: Abschließend formuliert der Referent Fragen, mit de- nen er ungelöste Probleme ebenso anspricht wie ihm Wichtiges, das er bündelt. Wie etwa steht es um die Seele von Tieren und Pflanzen, wenn doch bei Jesaja Menschen und Tiere friedlich  zusammenfinden?  Wozu  taugt  die  aristotelische  Entelechie,  die  Zielgerichtetheit der Seele als forma corporis? Ist Gottes Erinnerung an uns, wenn wir tot sind, unsere Hoff- nung über den Tod hinaus, ohne dass wir einem Heilsegoismus verfallen? Jedenfalls ist die Seele kein Etwas am Menschen, sondern – dieser selbst! Und sie ist und bleibt bezogen auf das Reich Gottes.

In den sich anschließenden Murmelgruppen wird vieles deutlich, um mich herum insbeson- dere die Präsenz des Seelenbegriffs in unserer Sprache: mutterseelenallein oder seelenver- wandt,  mit  Seelenfarben  in  Seelenfrieden,  eine  Seele  von  Mensch,  tätig  in  einer  Tausend- Seelen-Gemeinde ... Mancher und manche bedauert, dass nicht auch nach diesem Vortrag das Reflecting Team zum Einsatz kommt.

Seele als absolute Metapher für das Lebendige in uns

Seele als absolute Metapher für das Lebendige in uns – so setzt Prof. Dr. Anne Steinmeier ein, Praktische Theologin an der Universität Halle-Wittenberg, die den zweiten Vortrag des Vormittags  hält.  Sie  arbeitet  mit  vielen  eindrücklichen  Bildern,  beginnend  mit  einer  Szene aus John Neumeiers Matthäuspassion und schließend mit einer Installation der Bildhauerin Louise Joséphine Bourgeois und einer Farbfeldmalerei von Mark Rothko, und führt aus: Kunst ist immer in ganz eigenen Sprachen, Kunst ist mit Hans-Georg Gadamer „Zuwachs an Sein“.

Kann Kunst Sorge für die Seele sein?

Starke Bezüge stellt Anne Steinmeier zu dem Künstler Thomas Lehnerer her, seinerseits auch Theologe  und  Hochschullehrer,  und  zu  seinen  bildhauerischen  Arbeiten.  Von  ihm  geleitet spricht  sie  der  Kunst  den  Sinn  zu,  freies  Empfinden  zu  würdigen,  immer  wieder  die  Frage stellend: Wie entsteht Lebendiges?

Mit  dem  (Kinder-)  Psychoanalytiker  Daniel  Stern  rückt  das  Selbstempfinden  ins  Zentrum  – dieser Begriff kam auch bei Werner Vogd schon vor –, nicht verkapselt, sondern schöpferisch und responsiv, verwoben mit dem Empfinden des oder der Anderen und bezogen auf unver- fügbar Neues, das entstehen und entdeckt werden kann in Räumen, die Kunst eröffnet. In der  Seelsorge  geht  es  schließlich  um  ein  „Wagnis  der  Begegnung,  die  ihre  Erfahrung  erst noch vor sich hat“ – und wo sie wird, wird sie aus Gott. In der Seelsorge geht es um lebendi- ge Arten des Fühlens, die sich nicht in Sprache auflösen lassen, und nach Daniel Stern liegt in jeder Deutung ein Anderes, eben in Sprache nicht Auflösbares. Ein Bild in der Seelsorge kann wie eine Fremdsprache sein – für das, was sich in der Muttersprache nicht sagen lässt.

Wie  entsteht  Lebendiges?  Die  Inkarnation  lässt  Thomas  Lehnerer  nicht  los,  ihm  bleibt  das Leitbild des ungläubigen Thomas (Joh 20, 19 – 29), der fühlen muss, es bleiben Bilder vom homo pauper, vom Menschen, der mit Gott nicht fertig wird, wie umgekehrt auch Gott mit den Menschen nicht fertig wird.

Wort und Bild rühren die Hörenden und innig Mitgehenden an. Die Diskussion im Reflecting Team und im Plenum kreist um die Bildfähigkeit der Sprache: Wie können in Sprache Bilder kommen, wie können Zwischenräume entstehen, die (gemeinsame) Bilder entstehen lassen? Reden wir zu viel, zumal in der Seelsorge? Braucht es einen Sabbat der Sprache?

Workshops rund um Seele, Sorge und Seelsorge

Neben Vorträgen stehen auch vielfältige Workshops auf dem Programm, in der Leitung je- weils doppelt besetzt.
- Verantwortung – ein Forum für gender- und kulturbewusste Seelsorgelehre bieten Prof. Dr. Ursula Pfäfflin und Prof. Dr. Nahamm Kim an, eine Kollegin aus Südkorea. Alle anderen Workshops sind gender- und sektionengerecht besetzt, jeweils paritätisch mit Frau und Mann unterschiedlicher DGfP-Provenienz:
- Mit den Augen der Anderen. Fallbesprechungen unter fachlich neuem Fokus kündigen Ute Beyer-Henneberger und Tilman Kingreen an.
- Ihr werdet Euch noch wundern … Systemische und psychodramatische Zugänge zu Jesus, dem Seelsorger schaffen Heike Komma und Christian Fleck.
- Die bewegte Seele – jeder Eindruck verlangt nach einem Ausdruck. Balancen – Balance fin- den, klar werden, bewegen, tanzen wollen Annette Marzinzik-Boness und Volker Lang.
- Containment und Faith (Wilfred Bion). Elemente in unserer Praxis von Seelsorge präsentie- ren Franziska Hunziker Seiler und Dieter Seiler.
- Seelenfarben kündigen Dr. Ulrike Elsdörfer und Benno Scheidt an.

Forum Exemplarische Kontexte der Seelsorge

Zu diesem Forum tragen eine evangelische Kollegin und ein katholischer Kollege bei, sie zu religiös motivierter Lebenshilfe in diakonischen Kontexten und Kontexten des Gesundheits- wesens, er zu religiös motivierter Lebenshilfe in interreligiösen und interkulturellen Kontex- ten. Sie ist Dr. Astrid Giebel, tätig im Arbeitsfeld Theologie und Ethik der Diakonie Deutsch- land in Berlin, er ist Prof. Dr. Ottmar Fuchs, Praktischer Theologie an der Universität Tübingen.

Existentielle Kommunikation, Selbstsorge und Spiritualität in der Pflege

Nicht allein Patientinnen und Patienten, auch Mitarbeitende in der Pflege sind religiös hete- rogen geprägt. Vor diesem Hintergrund entstand mit DiakonieCare ein Pilotprojekt, das an 11 Standorten in Deutschland Schulungen ermöglichte, dank derer Pflegende Spiritualität als gesundheitsfördernde Ressource entdecken konnten – im heilenden und heilsamen Umgang mit den ihnen Anvertrauten sowie in der Sorge für sich selbst, nicht zuletzt angesichts des Burnout-Syndroms, das in Pflegeberufen grassiert. Spiritualität zielt dabei nicht allein auf die Gestaltung des eigenen (beruflichen) Lebens, sondern im Rahmen von Organisationsentwick- lungsprozessen auch auf eine spirituelle Unternehmenskultur, wie Astrid Giebel ausführt.

Gegen eine Obstipation des Unendlichen

Wenn jeder Mensch ein gottnahes Geschöpf ist, kommt es darauf an, jene spirituelle Kom- petenz, die in DiakonieCare gefragt ist, im eigenen Herzen aufzusuchen. Damit knüpft Ott- mar Fuchs an das Pilotprojekt an – unter Verweis darauf, dass unsere Wahrheitssemantik oft verstopft und verschließt, was sie eröffnen soll. Glaubensvollzüge brauchen eine Durchläs- sigkeit  für  die  unendliche  Liebe,  die  interreligiös  und  interkulturell  gerade  denen  zugute kommt, die nicht glauben wollen, und besonders denen, die nicht glauben können. Mit Wer- ner Vogd geht es um bedingungslose Akzeptanz, um radikale Unverzwecktheit. In spiritueller Kompetenz  liegt  eine  Ressource,  ein  Geschenk,  das  über  jene  Wahrheitssemantik  hinaus- wachsen kann und Glaubensvollzüge zu einer Lebenshilfe werden lässt, die die Tiefen und die Untiefen der Seele nicht zuschüttet, sondern Lebendiges entstehen lässt und – auf Anne Steinmeier  verweisend  –  Bildfähigkeit  ermöglicht,  bis  dahin,  dass  unsere  Bildfähigkeit  zum Raum  Gottes  selber  wird.  Und  dabei  steht  Gott  für  die  unmöglichste  Möglichkeit  jenseits aller Wirklichkeit, für eine (Un-) Möglichkeit, die sich doch ereignet und uns berührt.

„Ich kann nicht mehr glauben, dass Ihr in die Hölle kommt!“

Dietrich Bonhoeffer trifft im Frühsommer 1939, in New York angekommen, die Entscheidung, nach Deutschland zurückzukehren, er gibt die Wahrheit seiner Berufung und alles Vorletzte – dabei seinerseits das Letzte gebend – in die Hände des unendlichen Gottes. Ottmar Fuchs bringt damit eine Haltung, einen Habitus ins Spiel, der nicht erst in der Mitte und am Ende menschlichen Lebens zum Tragen kommt, sondern von Beginn an: Schon die Geburt, jene Metapher eines nicht verfügbaren Anfangs, zeigt die Vorgängigkeit Gottes vor jeder Wahr- heitssemantik, und die Taufe vollzieht sich als explizite Feier der Gotteskindschaft, nachdem bereits die Geburt aus Gnade geschieht, nachdem bereits mit der Geburt ein Gesegnetsein einhergeht, das nicht erst sakramental hergestellt werden muss und auch nicht hergestellt werden kann. Mit seiner Geburt ist dem Menschen alles gegeben, sein Leben und die unend- liche Liebe. Dabei ist nicht der Glaube Voraussetzung für Gottes Liebe – Klammern gilt auch in  der  Gottesbeziehung  nicht!  –,  vielmehr  besteht  die  Mission  darin  zu  verlautbaren,  dass Gott  alle  Menschen  liebt,  Gläubige  wie  Ungläubige.  So  kann  es  als  Missionserfolg  gelten, wenn  eine  Andersgläubige  –  gerade  nicht  obstipierend,  sondern  aufschlussreich  und  auf- schließend – ihren Nachbarn über den Zaum ruft: „Ich kann nicht mehr glauben, dass Ihr in die Hölle kommt!“

Spiritualität in radikaler Unverzwecktheit

Auch am Ende eines langen Tages mit zudem schweren – schwergewichtigen und beschwer- lichen – Themen entspinnt sich noch eine lebhafte Diskussion: um den Lobpreis Gottes und eine doxologische Seelsorge; in der Sprache von Ottmar Fuchs um die Gefahr der Obstipati- on bei religiösen wie bei Gesundheitssystemen und in der Sprache von Astrid Giebel um die Frage, wie ich mich berühren lassen kann, wenn ich mir ein dickes Fell zugelegt habe; um die Versuchung,  Spiritualität  und  die  Liebe  Gottes  zu  instrumentalisieren,  die  sich  jeder Zugriffigkeit  entzieht,  aber  erlaubt,  dass  wir  uns  in  die  Liebe  Gottes  hineinstellen;  um  die Menschwerdung Gottes, mit der unsere Menschwerdung beginnt.

Feedback und Feed-Forward

Auch der Dienstag beginnt sonnig – mit dem Morgengebet, gestaltet von Sr. Innocentia Pie- ters und Annette Marzinzik-Boness, und dem Glockengeläut. Die Workshops werden weiter- geführt, bevor der Kongressrückblick einsetzt und Resonanzen im Raum zum Klingen kom- men: in Murmelgruppen, im Reflecting Team, wiederum auf dem Podium mit der Kirchenrä- tin Sabine Kast-Streib, der geschäftsführenden Direktorin des Zentrums für Seelsorge in Hei- delberg, als Vertreterin einer verfassten Kirche, mit Dr. Ingo Habenicht als Vertreter der ver- fassten  Diakonie  und  mit  Prof.  Dr.  Christof  Gestrich  als  Vertreter  der  wissenschaftlichen Welt, schließlich im Plenum. Vielfach kommt die Dankbarkeit gegenüber der Vorbereitungs- gruppe für ihren starken Einsatz – „richtig klasse“ und „klar und locker zugleich“ – und ge- genüber anderen Engagierten zum Ausdruck, einiges andere auch:
- DiakonieCare kam so „reingeploppt“ – wohl nicht nur dank des zum Glück spontanen Ein- springens der Referentin, sondern auch dank der Konfrontation mit einer Welt des Konflikts zwischen  Wirtschaftlichkeit  und  Menschlichkeit,  zwischen  unternehmerischer  Verantwor- tung und Sorge für die Seele. Vielleicht braucht es solches „Reinploppen“ immer wieder.
- Wie können wir drinnen wie draußen sein, innerhalb und außerhalb der Systeme, mitten drin in allem, was uns und andere Menschen umtreibt, niederdrückt und vorantreibt, und zugleich mit eigener Perspektive, aufgeschlossen für das, was uns extra nos zukommen mag?
- Wie können wir dem Reichtum, der uns in interkulturellen und interreligiösen Begegnun- gen erreicht, begegnen, ohne ihn mit Eigenem ab- und auszubremsen und Beziehungsbah- nen zu verstopfen?
- Wie können die Vortragenden ihrerseits miteinander ins Gespräch kommen?
- Der kirchliche und theologische Bezugsrahmen war und ist häufig ein evangelischer, denn in der Pastoralpsychologie liegen die Verhältnisse anders als sonst: Da sind es nicht verschie- dene Kirchen, die gegenüber der katholischen Weltkirche auf sich aufmerksam machen, da ist es vielmehr eine katholische Minderheit, die sich an diesem privilegierten, traditionsrei- chen und höfisch wirkenden Ort – gleichsam im „Evangelischen Vatikan“ zu Hofgeismar – zu Wort meldet, auch mit der Idee, der Verhausschweinung des Wildschweins Pastoralpsycho- logie im Raum der Evangelischen Kirche mit konfessionsverbindenden Kräften entgegenzu- treten!
- Haben wir, als wir noch in Gelnhausen zur Jahrestagung zusammenkamen, uns nicht dann und wann auch auf die Wiese gelegt, während wir heute einen Jahreskongress veranstalten und fleißig ein dichtes Programm absolvieren?

Seelsorge ohne Langeweile für eine lange Weile

Und wenn ich bei Erinnerungen bleibe, so fällt mir zu früheren Kongressen ein, wie schwer es mancher Theologe hatte, der nach psychologischen Fachvorträgen vor der schier unmög- lichen  Aufgabe  stand,  das  psychologische  Diskussionsniveau  nicht  zu  unterbieten,  zugleich eigenständig  theologisch  anzusetzen  und  alles  zusammenzubinden,  oder  wie  in  anderem Setting eine Theologin schon im Einführungsvortrag auf Inhalte rekurrieren musste, die erst für  die  kommenden  Tage  angekündigt  waren.  Diesmal  machte  den  Anfang  kein  Theologe und kein Psychologe, sondern ein lachender Dritter, der uns als Nichtchrist theologisch anzu- sprechen verstand, und auch wenn jeder Vortrag seine ganz eigene psychologische Qualität entwickelte, stand ein explizit fachpsychologischer Vortrag diesmal gar nicht auf dem Pro- gramm. Gefehlt hat er mir nicht, vielmehr nehme ich gemeinsam mit anderen Kolleginnen und Kollegen den Impuls mit, mein Arbeiten in und mit Sprachbildern zu pflegen.Das Reflecting Team habe ich als Brücke zwischen Vortragenden und Hörenden erlebt. Die fünf Mitglieder gehören fünf Sektionen der DGfP an, und ich weiß es zu schätzen, dass die Einzelnen nicht jeweils den einen oder die drei Buchstaben, mit denen ihre jeweilige Sektion bezeichnet  wird,  wie  einen  Bauchladen  vor  sich  hertrugen.  Dadurch  hat  das  Team  diese „Sektionierung“ unterlaufen, auch wenn die Zugehörigkeiten da und dort aufblitzten – zum Glück! Vielleicht hat es auch dazu beigetragen, dass Nachdenklichkeit, Gelassenheit, selbst- bewusste Bescheidenheit mehr Raum gewannen als Konkurrenz und Narzissmus. Und wäh- rend anfangs noch die eine oder andere Stimme laut oder leise meinte, das Thema „Seelsor- ge“ sei doch langweilig, setzte sich in wachsendem Maße die Einschätzung durch, dass die Auseinandersetzung mit Seele, Sorge und Seelsorge lohnt, sogar für eine lange Weile!Auch die Ankündigung, für die Seele sei gesorgt, wurde wahr – durch verschiedene Settings ebenso wie durch die Kultur des Miteinanders unter den Teilnehmenden. Nur der anfangs präsente  Herr  K.  verschwand  im  Laufe  des  Kongresses.  Aber  wenn  ich  die  Fallgeschichte recht nachvollzogen habe, ist auch für ihn gesorgt.