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"Wenn das geknickte Rohr zu brechen droht" – Trauma, Therapie, Theologie

37. Jahreskongress der DGfP (2009)

29.04. bis 02.05.2009 in Hofgeismar

(Bericht, Referatsfolien, Tonaufnahmen und Fotos)

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Kongressbericht

von Klaus Kießling


Wenn das geknickte Rohr zu brechen droht ... – dieser Verweis auf den Knecht Gottes in Jes 42,3 sprach die Einladung zu einem Kongress aus, zur Auseinandersetzung mit Traumata, mit sexueller Gewalt und Folter, mit schweren Unfällen, Kriegen und anderen Katastrophen, mit vielen Fragen: Wie und wem entstehen Traumata? Welche Folgen erwachsen aus unsagbaren und unsäglichen Gewalterfahrungen? Wie lernen Mädchen und Jungen, Frauen und Männer, mit einer Traumatisierung zu leben, diese vielleicht zu verarbeiten und Überwältigendes vielleicht zu bewältigen? Welche Rollen spielen dabei Scham und Schuld, Rechtfertigung, Versöhnung und Erlösung? Wie gewinnen therapeutisch und seelsorglich Tätige Sicherheit im Umgang mit dem, was Betroffene grenzenlos verunsichert?
In der Zeit von 29. April – 2. Mai 2009 veranstaltete die Deutsche Gesellschaft für Pastoralpsychologie (DGfP) ihren Jahreskongress – zum 37. Mal seit ihrer Gründung, zum zweiten Mal in der Evangelischen Akademie Hofgeismar, zum ersten Mal mit 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Pastoralpsychologinnen und Pastoralpsychologen sowie Gäste fühlten sich offenbar angezogen von diesen Fragen, denen sich die Vorbereitungsgruppe intensiv stellte: Heike Komma und Matthias Steinleitner, Gert Krohn und Petra Vollweiler-Freyer.

„... wandert im gleichen Schritt die Trauer“

Die Einstimmung der Teilnehmenden in diese Auseinandersetzung vollzieht sich schweigend – anhand einer Ausstellung von Bildern, die während der Psychotherapie einer Künstlerin entstanden, die durch sexuelle Gewalt traumatisiert war. Manchen Bildern sind Worte beigesellt: „An der Seite jeder sexuell missbrauchten Frau wandert im gleichen Schritt die Trauer.“
Im Angesicht dieser Bilder, im Angesicht dieses Grauens äußert ein Kollege im Gespräch mit mir, er suche ganz viel Abstand von diesen Bildern, ihm seien sie unerträglich. Andere schließen sich an. Eine Kollegin will sich in bergender Gestik davor stellen – mit der Idee, die Künstlerin schützen zu müssen, die sich mit ihren Bildern erneut öffentlich ausziehe. Retraumatisierung? „Ausstellung“ in einem unwürdigen Sinn?
Die Hauptvortragenden stehen für ganz unterschiedliche Zugänge zum Kongressthema. Ulrich Sachsse, Psychiater und Psychotherapeut, Professor in Göttingen und darüber hinaus bekannt als „Trauma-Papst“, bietet unter der Überschrift „Trauma: Geschichte, Neurobiologie, Therapie“ zwei Referate an.

„Rauchmelder des Gehirns“

Mit seinem ersten Vortrag führt er die anhaltend interessiert, mitunter auch angestrengt Zuhörenden in medizinische, insbesondere hirnphysiologische Grundlagen seiner Arbeit ein. Er verweist auf den Hippocampus, der uns und unsere Signale im Raum verortet. Bei ihm liegt die Zuständigkeit für unser Sicherheitsgefühl, er vermag auf die Amygdala einzuwirken, unser Alarmzentrum. Dieser „Rauchmelder des Gehirns“ ist auch als Mandelkern bekannt. Dabei schildert Ulrich Sachsse eindrücklich, wie der Hippocampus durch Traumatisierung messbar schrumpft – zwar nicht durch ein Einzelereignis, aber durch eine über lange Zeit unsichere Bindungssituation. Ob kleine und große Menschen als traumatisch erfahren, was ihnen widerfährt, hängt von genetischen und vorgeburtlichen Prägungen ab, die sie besonders verletzbar machen können für das, was ihnen andere antun und was ihnen das Leben auf dieser Welt zufügt. Solche Schrumpfungen des Hippocampus kommen auch im Zuge schwerer depressiver Erkrankungen, von Alkoholismus und Alzheimer-Demenz vor, gleichsam als Versuche des menschlichen Gehirns, sich nicht aufzuregen und Ruhe zu bewahren. Dabei schlagen sich messbare Veränderungen im Gehirn erst nach der Pubertät nieder – in beiden Richtungen: Im Gegenzug zu einer Schrumpfung zeichnet sich auch die Möglichkeit eines Hippocampuswachstums ab, etwa bei dauerhaft trockenen Alkoholikern.
Der Precuneus, eine für komplexe sensorische Auswertungsprozesse zuständige Region in der Großhirnrinde, bleibt selbst im Schlaf gut durchblutet. Unter Hypnose lässt sich die Aktivität des Precuneus herabsetzen, durch Selbstreflexion hingegen steigern. Dissoziative Entwicklungen versteht Ulrich Sachsse als aktive Versuche, aus den eigenen Wirkungs- und Wirklichkeitszusammenhängen auszusteigen und traumatische Erfahrungen auszublenden.
Er geht mit diesen Ergebnissen aus noch laufender Forschung wohltuend sorgsam um; zugleich macht er klar, dass die „Löschung“ einer Traumatisierung weder im Tierversuch noch Menschen möglich ist: „Werden, als ob es nicht passiert wäre, geht nicht.“
Was resultiert daraus für die Akutversorgung traumatisierter Menschen? Diese Frage stellen die Diskutierenden, ihr stellt sich Ulrich Sachsse in seinem zweiten Referat, in dem er auf seine praktische Erfahrung in der Psychotherapie mit Erwachsenen Bezug nimmt.

„... nichts ist, wie es war“

Zunächst geht es darum, Selbstheilungsmöglichkeiten zur Geltung zu bringen – mit dem hohen Ziel einer Integration des Traumas. Diese ist dann gegeben, wenn Betroffene im Anschluss an die Exposition ihres Traumas zu einer verbalisierbaren Erinnerung finden – in klarer Unterscheidung von Vergangenheit und Gegenwart: „Es war so, und es war schlimm, es ist aber vorbei, und jetzt sind Sie in Sicherheit.“ Die Abfolge von Exposition und Integration skizziert Ulrich Sachsse knapp: „Wir regen Leute auf, um sie dann zu beruhigen.“
„Was haben Sie gesehen, was gehört, was gerochen...?“ Ein solches „Debriefing“ versteht sich als Angebot an diejenigen, die viel reden wollen, etwa Notfallseelsorgerinnen und Notfallseelsorger, die (sich ihre Erfahrungen) von der Seele sprechen. „Debriefing“ gilt aber nicht denen, die dadurch in eine Retraumatisierung geraten können.
Betroffene brauchen Information, vorzugsweise in Gegenwart ihrer Angehörigen: über normale akute Folgen einer Traumatisierung; über Möglichkeiten, Ressourcen zu aktivieren; über Art und Schwere des Traumas und damit einhergehende Risiken, etwa Depressionsneigung bei Überlebenden einer Vergewaltigung oder bei Folteropfern; darüber, dass denen, die plötzlich einen nahe stehenden Menschen verloren hatten, einstmals ein Trauerjahr zustand, während dessen sie in ihrer schwarzen Kleidung als Trauernde zu erkennen waren. Informationen brauchen auch Begleiterinnen und Begleiter, etwa zur aktuellen Lebenssituation und zu Vortraumatisierungen Betroffener sowie zu realer Schuld, die chronifizierend wirken kann.
Protektiv wirkt eine philosophische oder spirituelle Orientierung – auch wenn „nichts ist, wie es war“, oder mit anderen Worten und mit Bezug auf die Hirnforschung: „Nothing ist right in my left brain. Nothing is left in my right brain.“
Psychotherapie mag eine Vergrößerung des Hippocampus bewirken, dennoch bleiben Fragen offen: Wie hängen die beiden Referate zusammen? Wozu ist das Wissen der Hirnforschung für therapeutisch Tätige wichtig?

„Zart war ich, bitter war’s“

Deutlich als (Wahl-) Kölnerin erkennbar ist Ursula Enders, die ihr Thema „laufend“ vorbringt: „Sexuelle Gewalterfahrung – ihre Folgen – ihre Therapien“. Als Psychodramatikerin arbeitet sie seit drei Jahrzehnten mit akut traumatisierten Kindern – bei Zartbitter: „Zart war ich, bitter war’s.“ Das Angebot von Zartbitter richtet sich ausdrücklich auch an Jungen, so dass dort – schon mangels Alternative – mehr Jungen als Mädchen Zuflucht und Unterstützung suchen. Damit ihnen wieder Hoffnung entsteht, kommt es darauf an, sexuelle Gewalt zu benennen, das über sie verhängte Schweigegebot und die Blockade des motorischen Sprachzentrums also zu durchbrechen, insbesondere mit Bildern, die für sich sprechen. Sie arbeitet mit „Eye Movement Desensitization and Reprocessing“: EMDR regt über spezifische Augenbewegungen, aber auch über akustische oder taktile Reize die Verarbeitung traumatischer Erlebnisse an – in der Annahme, dass eine bilaterale Stimulation die gestörte Synchronisation der beiden Hirnhälften neu ermöglicht und hilft, die genannte Blockade aufzulösen.
Damit wieder Hoffnung entsteht – so setzt Ulrike Enders immer wieder ein –, muss sie selbst sich als vertrauenswürdig und transparent erweisen. Sie darf Idealisierungen nicht annehmen, um ein mögliches Machtgefälle und die Täter-Opfer-Dynamik zu unterlaufen, und sich selber kein Bild machen, aber Stellung beziehen und verwirrte Normen korrigieren: „Das war unfair, das war nicht in Ordnung, gemein, blöd.“ Sie versachlicht, denn Mitschwingen belastet Opfer – und macht ihnen Angst, sie könnten ihrerseits Mitfühlende belasten. So vermeidet Ulrike Enders einen Traumasog, gerät nicht auf der Gefühlsrutschbahn in einen Sumpf, in dem jedes „arme Opfer“ allenfalls zur „Königin der Sumpfkühe“ werden kann. Sie reduziert Betroffene nicht auf ihre Opfererfahrung, sie würdigt vielmehr ihr Leid, achtet Grenzen und zeigt Möglichkeiten der Hilfe auf: durch Polizei, Jugendamt, Beratung. Sie macht klar, dass Hilfe holen und Petzen zweierlei sind. Sie arbeitet mit dem inneren Kind – externalisierend: Von ihm ist immer in der dritten Person die Rede: „der kleine Michael“, „die kleine Anna“. Zum Externalisieren zählt auch, dass Kinder ihre Erfahrungen nicht selbst aufschreiben: „Ich bin deine Sekretärin. Sag mir, was ich aufschreiben soll.“ So bleibt neben der Vergangenheit (der Traumatisierung) auch die Gegenwart (der Sekretärin) präsent. Mit den Kindern macht sie Hausputz im Gehirn – in visualisierter Gestalt: „Wo ist der Mist in deinem Kopf? In Fässern, in Regalen, auf einer Festplatte? Der Mist muss raus, aber ein leerer Kopf ist auch blöd. Da muss oben ’was Schönes rein.“ Bewegt und bewegend zeigt sie, wie sie Kinder anleitet, sich den „Mist“ aus dem Mund zu ziehen und dem Kopf über den Scheitel „’was Schönes“ zuzuführen. Schmerzhaften Körpererinnerungen, Gefühlsfilmen, Flashbacks setzt sie ein Training entgegen, und Kinder entwickeln oft eigene Ideen, in welchen inneren Tresor sie diese Erinnerungen wegpacken – einen Tresor, der als Giftschrank fungiert, auch wenn ein Tresor sonst der Vermögenslagerung dient. Die reichhaltige „Zartbitter-Wundertüte“ enthält Materialien und viele Tipps für Kinder: „Für Geschenke braucht man nichts zu tun.“ Sonst dienen sie der Erpressung.
Ulrike Enders arbeitet mit Eltern, die oft traumatisierter sind als ihre betroffenen Kinder – und nicht glauben können und wollen, was ihren Kindern geschehen sein soll. Sie anerkennt, wenn diese Eltern kooperativ und präsent sind und ihren Kindern schon dadurch eine Lebenschance eröffnen. Damit wieder Hoffnung entsteht.
Nach ihrer Präsentation und dem Einholen von Resonanzen aus dem Publikum – „Wie erleben Sie als Mutter, als Vater diesen Vortrag?“ – versammelt sich eine große Gruppe von Interessierten um die Referentin, um ihr weitere Tipps zu entlocken. Der Bedarf danach ist groß.
Im weiteren Verlauf der Diskussion stellt sich auch die Frage nach sexueller Ausbeutung durch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Institutionen, in der Kindertagesstätte und in der Schule, im Sportverein und in der Pfarrgemeinde. Kirche bietet Unterstützung, aber Kirche ist auch Tatort. Nicht nur Täter, auch Täterinnen verursachen Traumata; weibliche Gewalt sieht mitunter weniger gravierend aus, wirkt dafür aber oft subtiler – und lässt sich dann vielleicht noch schwerer bewältigen als ein glasklarer Übergriff durch einen männlichen Täter. Verarbeiten durch Versachlichen, nicht durch Reden – das leuchtet mir ein, und zugleich weiß ich darum, wie es von „speechless terror“ Betroffenen existentiell darauf ankommt, aus ihrer Sprachlosigkeit und aus der Sprachlosigkeit ihrer Mitwelt herauszukommen und zu einer Sprache, zu ihrer Sprache, zu ihrer eigenen Stimme zu finden.

„… bis ins dritte und vierte Glied“

Katastrophennachsorge (Heiner Seydlitz), generationenübergreifende Dynamik von Traumatisierungen durch den Nationalsozialismus „… bis ins dritte und vierte Glied“ (Hildegard Schäfer), Verarbeitung überwältigender Ereignisse durch „Somatic Experiencing“ (Heike Gattnar), Folgen politischer Traumatisierung in der DDR (Stefan Trobisch-Lütge), neoliberale Globalisierung als Traumatisierung (Reinhold Bianchi) sowie Vergebung als Chance oder Belastung für traumatisierte Menschen (Cornelia Wiemeyer-Faulde) sind vielfältige Angebote zur vertieften Auseinandersetzung mit Trauma, Therapie und Theologie in Workshops.

„Arbeitet Gott das Trauma des Ungehorsams des Menschen ab?“

„Zerstörtes Vertrauen. Zur traumatisierenden Wirkung theologisch konstruierter Vorstellungen von Gott und Mensch“ lautet der Titel, mit dem sich Klaus-Peter Jörns ankündigt. Als evangelischer Praktischer Theologe war er viele Jahre lang an der Humboldt-Universität Berlin tätig. Er setzt mit Traumatisierungen in der Bibel ein: bei Jeremia, dem Gott durch seine Erwählung zum Propheten eine unheilbare Wunde zufügt (Jer 15,18), und bei Hiob, auf den ein jäher Schrecken einstürzt (Hiob 30,15): Alles feinsäuberlich Geordnete rücke auf der Tragödienbühne des Lebens aufs Chaotischste zusammen, jedenfalls für Hiob. Solche Traumatisierungen verändern die Wahrnehmungsgestalt Gottes – nach Klaus-Peter Jörns bis dahin, dass sich die anthropomorph tönende Frage stellt: „Arbeitet Gott das Trauma des Ungehorsams des Menschen ab?“ Aber, so fragt er weiter, braucht es nicht das Geburtstrauma aus totaler Fremdbestimmung des Paradieses heraus, damit Menschen überhaupt wachsen und Mensch(en) werden können? Wie jedoch lässt sich das Trauma bearbeiten, dass der geglaubte Gottessohn auf so grausame Weise hingerichtet wurde? Die Auseinandersetzung mit diesem Gottesschrecken, mit dem Opfertod Jesu als Sühnemittel, mit der Nutzbarmachung des Leidens Jesu für den theologischen Zweck eines machtvollen Erlösungssystems verankert Klaus-Peter Jörns autobiographisch. Dieses Gottesbild spielt mit einem Menschenbild zusammen, das Menschen kleiner und schlechter macht, als Gott sie geschaffen hat.
Aber macht die Neigung, dem Leben Ordnung und dem Trauma Chaos zuzuweisen, den Traumabegriff nicht allzu weit? Und wird sie dem Leben überhaupt gerecht? „Ordnung ist das halbe Leben“ – dieser Spruch hebt doch nicht nur auf Ordnung ab; verrät er nicht auch, dass Ordnung nur das halbe Leben ist, Ordnung nicht nur gut und Chaos nicht nur böse? Braucht es im Leben nicht auch Platz für Chaos, das nicht immer Heilloses anrichtet, sondern dann und wann auch Kreatives? Muss der Einbruch von Chaos gleich traumatisierend wirken?
Gewiss aber braucht es eine eigene Hermeneutik, darauf setzt auch Klaus-Peter Jörns. Denn wie soll eine Theologie, die sich selber ernst nimmt, den Fachbegriff des Traumas genau so für sich zur Geltung bringen können, wie ihn Vertreterinnen und Vertreter von Medizin und Psychologie kennen?
In der Diskussion treffen theologisch verschiedene Generationen und Traditionen aufeinander: diejenigen, die mit einem Sühne- und einem Stellvertretungsgedanken ringen, demzufolge es Opfer braucht, damit Gott sich versöhnen lässt, und diejenigen, die theologisch auf eine göttliche Solidarität setzen, in der die biblische Idee der Stellvertretung eine ganz eigene Qualität gewinnt: Die Menschwerdung Gottes vollzieht sich bis in die Abgründe menschlichen Lebens hinein, bis in den Tod und darüber hinaus. Diese Selbsthingabe eröffnet Solidarität unter Menschen und einen stellvertretenden Einsatz zugunsten derer, die sich nicht selbst vertreten können – diese an ihrer Stelle nicht ersetzend, sondern freisetzend, so dass sie ihren Platz eines Tages (wieder) selber einnehmen können.

„Das geknickte Rohr … und den glimmenden Docht“

Nun sind die Teilnehmenden des Kongresses mit drei Zugängen zum Thema vertraut: zuerst damit, „wie ein Trauma funktioniert, da oben und im Körper“ – so bringt Matthias Steinleitner, umsichtiger Moderator im Dauereinsatz, die Bezüge zu Hirnforschung und „Somatic Experiencing“ in dürren, aber treffenden Worten auf den Punkt; dann damit, wie Traumatherapie glücken kann; schließlich damit, wie Theologie traumatisiert. In diesem Horizont widmen sich Vertreterinnen und Vertreter der einzelnen Sektionen der DGfP der Frage nach ihrem spezifischen Beitrag zum Kongressthema: für „Gruppe – Organisation – System“ (GOS) Claudia Enders, für „Gestaltseelsorge und Psychodrama in der Pastoralarbeit“ (GPP) Katharina Henke und Johanna Wittmann, für „Klinische Seelsorge-Ausbildung“ (KSA) Kerstin Lammer, für „Personzentrierte Psychotherapie und Seelsorge“ (PPS) Christiane Burbach, für „Tiefenpsychologie“ (T) Konstantin Dedekind. Und sie widmen sich vielen weiteren Fragen: Wie kommt Empathie zum Einsatz, ohne retraumatisierend zu wirken? Besteht in der Ambivalenz des inneren Tresors nicht die Gefahr, dass derjenige, der den Giftschrank entmüllt, zugleich eine Schatzkammer plündert? Was haben Jeremia und Hiob, was haben Menschen durch die Jahrhunderte hindurch ohne Traumatherapie gemacht? Was haben sie getan, wenn der traumatisierende Unfall der Fall war? Wie haben sie überlebt – wenn sie überlebt haben?
Hier kommen pastorale Anliegen zum Zug, wie auch die Rückmeldungen zeigen, denen wortwörtlich Raum gegeben wird: Im von Stühlen freigeräumten Saal positionieren sich die Teilnehmenden mit dem Maß ihres je eigenen Lernfortschritts während der Tagung, mit dem Maß des Zugewinns an Sicherheit im Umgang mit Traumatisierten, mit der Gewichtung zwischenmenschlicher Begegnungen während des Kongresses. Die Wertschätzung einer Abwehr, die Überleben ermöglicht, und die Hochachtung vor traumatisierten Menschen, die sich als Überlebenskünstlerinnen und Überlebenskünstler erweisen, die vom Überleben zum Leben finden wollen, spielen ebenfalls wichtige Rollen. Zugleich wird der Wunsch danach laut, dem Theologielernen einen guten Platz einzuräumen. Ganz im Zentrum steht aber die Dankbarkeit der Kolleginnen und Kollegen für die sorgfältige Vorbereitung und die geglückte Gestaltung eines Kongresses zu einem bewegenden Thema – mit einem Titel, den vorrangig die von Heike Komma sehr ansprechend gestalteten Morgenandachten andachten. Dieser spielt auf den Gottesknecht an: „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht nicht auslöschen.“ (Jes 42,3 und Mt 12,20) Dieser Zuspruch in Situationen hinein, in denen das geknickte Rohr zu brechen droht, wird mir zum Impuls, der mir eine Spur weist, wie wieder Hoffnung entsteht – in der Bibel und heute: Das Trauma zieht in die Vergangenheit, droht eine Gegenwart und in ihr mögliche Gegenerfahrungen zu vereiteln und traumatisierten Kindern und Erwachsenen jede Hoffnung auf Zukunft zu nehmen, diese zu „knicken“ und zu zerbrechen. Wem jede Hoffnung schwindet, kann weder leben noch überleben. Aber stellvertretende Hoffnung kann dafür sorgen, dass das geknickte Rohr nicht bricht und der glimmende Docht der Hoffnung nicht gänzlich erlischt – wenn andere für mich hoffen, bis ich wieder ein Hoffender bin. Könnte nicht gerade eine Praktische Theologie der Stellvertretung dem Sog eines Traumas entgegenwirken – und in globaler Solidarität gar zu einem Politikum werden?

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Die Texte von Betroffenen der Flugtagkatastrophe können Sie auch im Internet finden: Den Text des betroffenen Zuschauers in seiner Website www.ramstein-1988.de und dem Text des Feuerwehrmannes in dessen Website www.ramstein-airbase-katastrophe.de. In beiden Websites ist auch viel Bildmaterial zu finden. Darüber hinaus verweist Herr Seidlitz auf sein Buch „Katastrophen-Nachsorge – am Beispiel der Aufarbeitung der Flugtagkatastrophe von Ramstein 1988, H. Jatzko, S. Jatzko, H. Seidlitz, 2001 bei Stumpf& Kossendey, Edewecht.

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Fotos

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